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Vielschichtig wie das (Liebes-)leben
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Wenn Liebe fremdgeht: Vom richtigen Umgang mit Affären (Taschenbuch) Zuerst eine Warnung: Finger weg von diesem Buch, wenn für Dich Affären ein moralisches Tabu sind. Und Finger weg, wenn Du gerade zutiefst verletzt bist, weil Dein Partner fremdgegangen ist. (Dann warte vielleicht ein paar Wochen.)
Um davon profitieren zu können, braucht man die Kraft, Uneindeutigkeiten zu ertragen. Und eine gewisse emotionale Ruhe und Selbstsicherheit (die gerade mitten in einer Affäre tief erschüttert sein kann). Unter dieser Voraussetzung ist es das Klügste, was ich je zu diesem Thema gelesen habe.
Clements Grundprämisse: Es gibt kein Schwarz und Weiß. Die Liebeswelt ist vielschichtiger, widersprüchlicher und dadurch auch viel lebendiger, als wir es gerne hätten in unserer Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Und dieser Lebendigkeit (die auch Schmerz bedeuten kann) gilt es sich in Würde und in Verantwortung für das eigene Tun zu stellen.
Clement wendet sich gegen einfache Wahrheiten jeglicher Couleur: "Affären sind moralisch verwerflich und dürfen gar nicht vorkommen." "Affären sind immer ein Symptom einer gestörten Beziehung (und dadurch eben auch entschuldbar)." "Affären sind harmlos und können eine Beziehung sogar beleben."
Dagegen setzt er: Affären sind in der Welt, und werden aller Voraussicht nach in der Welt bleiben. Sie passieren nicht zufällig, sondern haben Gründe. Die müssen aber nicht unbedingt in einer unglücklichen Beziehung liegen (oft ist das Beziehungsunglück mehr die Folge als die Ursache). Alle Beteiligten haben Gefühle, und alle Gefühle sind berechtigt: die Liebe und Sehnsucht der Fremdgehenden und Geliebten, die Schuldgefühle und Ambivalenz der Fremdgehenden, die Eifersucht und Verletztheit der betroffenen Hauptpartner. Außerdem gibt es in einer solchen Situation jede Menge "Macht des Faktischen". Sachzwänge, die nicht immer schön sind, aber mit denen man sich als Rahmenbedingung auseinanderzusetzen hat. Zum Beispiel: Es gibt zwischen den Beteiligten ein Machtgefälle (wer mehr liebt, oder weniger weiß, ist in der schwächeren Position). Oder: eine etablierte Partnerschaft errichtet durch Kinder, Finanzen, gemeinsame Freunde etc. starke faktische Bindungen, ganz unabhängig von Gefühlen. Oder: fast alle Lügen fliegen irgendwann auf.
Und nun gilt es mit diesen konfligierenden Gefühlen und Sachzwängen möglichst weise umzugehen. Dabei muss man sich bewusst sein, dass jede Entscheidung (jede! auch die Entscheidung für Treue!) ihren Preis hat, für den einen oder anderen der Beteiligten. Und sich fragen, ob man bereit ist, diesen Preis zu zahlen (oder einem anderen zuzumuten).
Für die Navigation in diesem Dschungel gibt es eine Vielzahl von Vorschlägen. Alle drei Perspektiven (Fremdgeher/in, betroffener Partner, Geliebte/r) werden berücksichtigt. Besonders ausführlich wird sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie viel Ehrlichkeit und wie viel Lüge man sich und dem Partner zumutet (bzw. von ihm verlangt).
Clements Moral ist eine "Moral der Konsequenzen", und die gilt für alle drei Beteiligten: Überlege Dir, was Du selbst willst und brauchst, worum es Dir überhaupt geht. Überlege Dir, was ein anderer will und braucht, was Dein Tun ihm zufügt und welche Verantwortung Du für ihn hast. Wäge das gegeneinander ab. Und dann handle danach, stehe dazu, und ertrage auch die Reaktionen des anderen. Das kann zum Beispiel heißen, als betroffener Partner darauf zu verzichten, alles wissen zu wollen. Oder als Geliebte/r zu entscheiden, ob man mit der Rolle als "Nummer Zwei" zufrieden ist. Oder als Fremdgeher darüber nachzudenken, worum es eigentlich geht: tatsächlich um eine Beziehungsalternative? Oder nur um das "Andere" auf dem "Hintergrund" einer bestehenden Beziehung? Und was heißt das für mein Verhalten gegenüber meinem Partner?
Das Ganze ist präzise, verständlich und empathisch geschrieben, klar gegliedert, wird mit (wenigen, leicht lesbaren) statistischen Informationen und mit vielen Fallgeschichten illustriert.
Sehr weise, und der Komplexität des tatsächlichen Geschehens sehr angemessen. Nur zwei Dinge konnte ich persönlich nicht ganz unterschreiben: Die Annahme, dass der betroffene Partner in der Regel "wissen will", während der Fremdgeher meist "verschweigen will". Und das unbedingte Plädoyer für ein "Bekenntnis statt Geständnis" (Steh dazu, was Du getan hast, mach Dich nicht klein, flehe nicht um Verzeihung.) Clements Begründung dafür ist ehrenwert: der/die Fremdgehende, meint er, entlastet sich auf diese Weise, übernimmt nicht die Verantwortung für sein Tun und belastet den Partner auch noch mit der Herausforderung, verzeihen zu müssen. Klingt plausibel, stimmt aber nicht ganz zusammen mit der sonstigen Annahme, dass es eine große Vielfalt verschiedener Menschen, Konstellationen und Gefühle gibt und kein Rezept für alle passt (im Gegenteil geht es darum, genau wahrzunehmen, was geschieht.)
Ich persönlich hatte als "Fremdgeherin" mit einem Partner zu tun, der nicht wissen wollte. Und wenn schon wissen, dann wollte er wenigstens auch hören, dass ich zerknirscht bin. Ich habe ihn, ganz im Ulrich'schen Sinne, aus einem Gefühl der Fairness heraus informiert. Er sollte sich dazu verhalten können. Was ich nicht vorausgesehen hatte: Noch mehr als über die Affäre selbst war er darüber verletzt, dass ich ihm auch dieses Wissen zumutete. Und noch mehr als über das Wissen war er verletzt, dass ich nicht zerknirscht war. Er hätte gerne verziehen. Das hätte für ihn das Gleichgewicht, sein Selbstwertgefühl wieder hergestellt.
Auch das gibt es. Auch das ist menschlich.
Etwas mehr hätte ich außerdem gerne gelesen über die Situation "Fremdgehen in einer Familie mit Kindern". Denn hier kommen noch ganz andere Beteiligte mit eigenen (Schutz-)Bedürfnissen und Interessen ins Spiel.
Ansonsten: fünf Sterne.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 15. Oktober 2010 |